Montag, 26. Juni 1989/B2/1

90 Herzogenauracher Abiturienten bekamen ihr Reifezeugnis ausgehändigt

Kein Abschied mit Tränen

Schulleiter Theo Marabini: Jahrgang 89 ist nicht der beste, aber der kreativste

HERZOGENAURACH (tb) – Mit der Entgegennahme der Reifezeugnisse am Samstag verabschiedeten sich die Schüler des diesjährigen Abiturjahrgangs von der wohl besten Zeit ihres Lebens.

Obwohl keiner der rund 90 Abiturienten bei der Abschiedsfeierlichkeit in der Niederndorfer Turnhalle Tränen in den Augen hatte, wollte ihnen Schulleiter Theo Marabini zumindest dieses prophezeihen: „Bundeswehr, Hochschule und Beruf werden Sie Ihr Gymnasium zunächst vergessen lassen, aber mit zunehmendem zeitlichen Abstand wird sich die Gymnasialzeit für Sie von selbst glorifizieren und die Schule zu jener trauten Idylle werden, die sie eigentlich nie gewesen ist.“

Theo Marabinis Abschiedsworte regten zum melancholischen Zurückdenken an frühere Jahre in der „Penne“ an und auch auf den Gesichtern der eher grob besaiteten Abiturienten regten sich nachdenkliche Züge.

Neben mahnenden Worten las der Schulleiter auch Lob und Ansporn aus seinem Manuskript. Unter dem Strich stünde der Jahrgang 1989 den Durchschnittsnoten früherer Abiturienten zwar um einiges nach – woran die „Abiturreform“ auch nicht ganz unschuldig sei. Die Kreativität, welche die Schüler aber beispielsweise bei ihrem Abiturscherz bewiesen, sei bis jetzt unübertroffen: „Die Schulleitung kann nur hoffen und beten, daß die künstlerischen Aktivitäten so schnell keine Nachahmer finden mögen. Mehr als einen kunstbeflissenen Abiturientenjahrgang kann die Schulanlage nicht verkraften.“

Ernste Gedanken äußerte Marabini bei der Schilderung seines eigenen Loses als Lehrer. Erst im Nachhinein würden die meisten Schüler den „Zwiespalt“, dem ihre Lehrer unterliegen, verstehen. Da sei einerseits das Bestreben, einen menschlichen, von Verständnis geprägten Unterricht zu führen, andererseits das Verlangen der Universitäten und der Wirtschaft nach geistig „hochtrainierten“ Schulabgängern.

Der lang anhaltende Beifall der rund 300 Gäste bezeugte, daß der Schulleiter mit seinen Appellen auf offene Ohren gestoßen war und seine Bemühungen nicht ohne Resonanz blieben. Bevor man in der festlich geschmückten Halle, in der anschließend der Abiturball gefeiert wurde, endgültig zur Zeugnisverleihung schritt, meldete sich noch ein Schüler zu Wort. Uwe Haenel sprach diesmal die „berühmten“ letzten Worte des Abiturjahrgangs aus Schülersicht. Als Antithese zum letzten Jahrgang war die Abiturrede geplant worden. Während sich 1988 der beste Schüler, Carsten Führmann mit einem Durchschnitt von 1,0, die Ehre gab, war Uwe Haenel mit seinem Schnitt von 3,8 am entgegengesetzten Ende der Notenskala angesiedelt.

Entsprechend seinen Erfahrungen denn auch die Rede: Mit Sätzen wie „Otto wir lieben Dich“ (gemünzt auf den Kollegstufenbetreuer Otto Spitznagel) sprach er den meisten Schülern aus dem Herzen. Dieser Schlußsatz war allerdings auch schon der größte von äußerst wenigen Zuckerbrotkrümeln, die Uwe verteilte. Für den Rest des Lehrerkollegiums, das in sehr großer Zahl anwesend war, hatte er mehr Peitschenhiebe auf Lager.

Seine – philosophisch anmutenden – Betrachtungen dreier verschiedener Lehrerkategorien (nach dem Schema: Gut/Mittel/Böse) stieß bei den Schülern auf Beifall, nur die wenigsten allerdings teilten seine persönliche Meinung über die angeblich krassen Unterschiede zwischen den beiden Kollegstufenbetreuern Spitznagel und Gerstberger. Auf diese Weise wurde auch diese Abiturrede – wie eigentlich alle vorhergehenden auch – zum abendfüllenden Diskussionsstoff.

Gegen 19.30 Uhr war dann die lang ersehnte Stunde angebrochen, in der die Abiturienten ihre Leistungen schwarz auf weiß in die Hand bekamen. Von allen Absolventen wurden vier von Theo Marabini besonders erwähnt. Oliver Preusche (Durchschnittsnote 1,3), Barbara Hacker (Note 1,1), Matthias Beyerlein (Note 1,3) und Dörte Schneider (Note 1,4) waren die vier besten Schüler des Jahrgangs.

Quelle: Nordbayerische Nachrichten – 26. Juni 1989

Kein Abschied mit Tränen
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